Konstruktionsbericht · 15. August 2026

Tagbogen

Ein rein mechanisches Instrument, das einmal am Tag aufgezogen wird und eine ESP32-Kamera über den Tag hinweg 90 Grad schwenkt — und wieder zurück.

GeplantNichts gebaut, nichts bestellt. Die Auslegung steht, das Räderwerk fehlt.

Schwenkbereich
90 °
Tageslauf
12 h
Winkelgeschw.
15 °/h
Gesamtsichtfeld
155 °
Antriebsleistung
0,4 mW
Aufziehen
1 ×/Tag
06 07 08 09 10 11 12 18 17 16 15 14 13 Schwenkbereich 90° 15°/h · 0,25°/min
Der Tagesbogen. Aussen die Stunden des Hinwegs, innen die des Rückwegs. Jede Winkelstellung wird am Tag zweimal eingenommen — das ist später der einzige echte Stolperstein in der Elektrik.

Auftrag und Auslegung

Gebaut werden soll ein Tischinstrument, das ohne Motor und ohne Elektronik im Antriebsstrang eine ESP32-Kamera langsam über den Tag schwenkt. Aufgezogen wird einmal täglich von Hand. Der Schwenkbereich beträgt 90 Grad; der Kopf fährt sie in eine Richtung und anschliessend wieder zurück.

Als Tagfenster sind 12 Stunden gesetzt. Daraus folgt der gesamte Rest: 180 Grad Weg in 12 Stunden, also 15°/h oder 0,25°/min. Das ist, nicht ganz zufällig, genau die Winkelgeschwindigkeit der Erddrehung. Wer den Bogen nach Süden ausrichtet, hat ein Gerät, das der Sonne folgt statt ihr hinterherzuzeigen — eine umgekehrte Sonnenuhr.

Das Standardobjektiv der ESP32-CAM sieht rund 65 Grad breit. Bei 90 Grad Schwenk überstreicht das Instrument damit ein Gesamtfeld von etwa 155 Grad, und eine ganze Bildbreite wandert in gut vier Stunden durch. Wer alle fünf Minuten auslöst, bekommt Einzelbilder mit rund 1,25 Grad Versatz — als Zeitraffer eine sehr weiche Fahrt, als Panorama eine lückenlose Überlappung.

Was 90 Grad mit Rücklauf gewinnt

Die Verkleinerung gegenüber einem 180-Grad-Schwenk in eine Richtung ist nicht nur ein Rückzug auf das Machbare, sie räumt drei Konstruktionsprobleme gleichzeitig ab:

Vorbilder

Das Prinzip ist alt und hat einen Namen: Registriertrommel mit Uhrwerkantrieb. Der Tagbogen ist im Kern ein Barograph, bei dem statt einer Schreibfeder eine Kamera am Bogen hängt.

Vorbild Prinzip Was daraus zu übernehmen ist
Barograph, Thermograph Uhrwerk dreht eine Papiertrommel exakt einmal pro Tag oder Woche Die gesamte Gerätearchitektur, inklusive der Idee „ein Umlauf = ein Tag“
Uhrwerksnachführung am Teleskop Fallgewicht mit Fliehkraftregler, 15°/h Dasselbe Problem, seit rund 150 Jahren gelöst — inklusive der Erkenntnis, wie aufwendig eine gleichmässige Regelung wird
Campbell-Stokes-Sonnenschreiber Glaskugel brennt die Sonnenbahn in einen Kartonstreifen Die Haltung: der Tag zeichnet sich selbst auf. Braucht keinen Antrieb, weil die Sonne einer ist
Widelux, Horizon Federwerk dreht die Objektivtrommel während der Belichtung Federwerk unmittelbar an einer Kamera, kompakt gebaut
Küchentimer-Zeitrafferkopf Mechanische Eieruhr als Drehteller, Kamera obenauf Der schnellste Prototyp überhaupt — aber nur rund 60 Minuten Laufzeit
GravityLight Sandsack sinkt und treibt einen Generator Gewichtsantrieb als sichtbares Gestaltungselement statt als verstecktes Innenleben

Was sich in dieser Reihe nicht findet: ein Tagesinstrument, das rein mechanisch über zwölf Stunden schwenkt und dabei digital fotografiert. Die Zeitrafferköpfe laufen eine Stunde, die Registriergeräte tragen keine Last, die Teleskopantriebe sind astronomisch gedacht und stehen nachts.

Das eigentliche Problem

Ein Fallgewicht von 2 kg über 1 m Fallweg gibt rund 20 Joule ab. Auf 12 Stunden verteilt sind das etwa 0,45 mW — die Grössenordnung, mit der eine Kuckucksuhr ihr Pendel und ihr Räderwerk unterhält. Zum Bewegen einer 200-Gramm-Kamera auf gutem Lager ist das reichlich. Energie ist nicht das Problem. Die Probleme sind:

Losbrechreibung

Bei 0,25 Grad pro Minute bewegt sich nichts flüssig. Das Lager läuft in die Haftreibung, das Werk baut Moment auf, der Kopf springt los. Dagegen hilft nur Bauart: ein grosses Dünnring- oder Axialkugellager statt eines kleinen Zapfens, der Schwerpunkt der Kamera exakt auf der Drehachse ausgewuchtet, und das Gerät wirklich waagrecht — Libelle und Stellfüsse gehören ins Gehäuse, sonst zieht die Schwerkraft den Kopf dauerhaft in die Tiefstellung und verfälscht die Bewegung asymmetrisch.

Umkehr

Ein Antrieb dreht in eine Richtung. Ihn am Anschlag umzuschalten, verlangt eine Mechanik, die unter Last kippt — und das ist genau die Sorte Bauteil, die nach drei Wochen klemmt.

Ganggenauigkeit — und warum sie egal ist

Der entscheidende Kniff

Ein Präzisionspoti auf der Drehachse, an einen ADC-Eingang des ESP: damit kennt die Software den Winkel auf ein Grad genau, unabhängig davon, wie gut das Werk geht. Die Mechanik liefert die Bewegung, nicht die Messung. Eine Gangabweichung von zehn Prozent — für eine Uhr eine Katastrophe — ist hier folgenlos, weil kein Bild vom Uhrwerk erfährt, wie spät es ist. Das senkt die Anforderungen an das Räderwerk dramatisch und macht das Projekt überhaupt erst an einem Wochenende baubar.

Die Umkehr: eine Herzkurvenscheibe

Aus einer gleichförmigen Drehung eine gleichförmige Hin- und Herbewegung zu machen, ist ein gelöstes Problem der Feinmechanik. Das Bauteil heisst Herzkurve und sitzt in Chronographen (dort stellt es die Zeiger auf null) und in Textilmaschinen (dort verlegt es den Faden gleichmässig über die Spule). Ein radialer Abtaststift läuft in einer geschlossenen Kurvennut; der Radius wächst über eine halbe Umdrehung linear an und fällt über die andere Hälfte linear ab.

A · KURVENSCHEIBE, 1 UMDREHUNG / TAG Abtaststift Hub 31,4 mm 0,5°/min B · BEWEGUNGSPROFIL ÜBER DEN TAG 0° 90° 06 12 18 Herzkurve Schubkurbel
Warum die Herzkurve und nicht die Kurbel. Der Dreiecksverlauf hält die Winkelgeschwindigkeit über den ganzen Tag konstant. Eine Schubkurbel wäre einfacher zu bauen, liefert aber einen Sinus: um die Mittagszeit zieht der Kopf am schnellsten, morgens und abends steht er fast still — ausgerechnet dann, wenn sich das Licht am stärksten ändert.

Die Nut wird als geschlossene Kurve gedruckt, der Stift läuft formschlüssig darin. Damit braucht es keine Rückholfeder, gegen die der Antrieb den halben Tag arbeiten müsste, und die Umkehr geschieht ohne jedes Schaltteil — die Scheibe dreht immer gleichsinnig weiter, die Bewegungsrichtung dreht sich von selbst. Die Spitze der Herzkurve wird auf wenige Millimeter Radius abgerundet, sonst gibt es an den Umkehrpunkten einen Stoss.

Verworfen und warum: Kreuzgewinde (wie in der Angelrolle) ist gleichwertig sauber, aber als gegenläufig geschnittene Wendelnut kaum druckbar. Endanschlag mit Umschaltklinke ist ein Bauteil, das unter Dauerlast kippen muss — die klassische Verschleissstelle.

Vom Abtaststift geht es zum Drehteller über einen Seilzug: ein Stahlseil, ein- bis zweimal um eine Trommel auf der Kameraachse geschlungen, beide Enden am Stift. Das ist spielfrei, billig und leichtgängiger als jedes Zahnradpaar — dasselbe Prinzip wie der Skalenseilzug im Röhrenradio oder der Feintrieb am Teleskop. Bei einer Trommel von 40 mm Durchmesser entspricht eine Vierteldrehung, also 90 Grad, genau 31,4 mm Seilweg; das ist der Hub, den die Herzkurve liefern muss.

Zwei Bauwege

Die Umkehr steht damit fest, die Kraftquelle nicht. Es gibt zwei ernsthafte Wege, und sie führen zu spürbar verschiedenen Geräten.

A · UHRWERK — GENAU, SICHTBAR, HÖRBAR Fallgewicht 2 kg · 1 m Seiltrommel 10 U / Tag 144 : 1 ins Schnelle Hemmung Pendel 248 mm 10 : 1 Herzkurve 1 U / Tag B · SANDKOLBEN — ZWEI WELLEN, LAUTLOS, UNGENAUER Sandsäule Ø 60 · 200 mm sinkt Kolben 200 mm / Tag Trommel + Herzkurve Seilzug Drehteller 90° hin/zurück ESP32-CAM Poti → ADC nur Messung Durchgezogen: Kraftfluss. Gestrichelt: Messung — die Elektronik greift nirgends in den Antrieb ein.
Derselbe Ausgang, zwei Innenleben. Variante A bezahlt vier Zahnradstufen und ein Pendel für Ganggenauigkeit, die das Instrument gar nicht braucht. Variante B kauft die Gleichmässigkeit direkt beim Sand ein — dafür ist ihre Laufzeit nur empirisch einstellbar.

Variante A · Fallgewicht mit Hemmung

Ein Fliehkraftregler, wie ihn die alten Teleskopantriebe verwenden, ist für dieses Gerät der falsche Weg. Ein solcher Regler braucht Drehzahl, um zu regeln — mehrere hundert Umdrehungen pro Minute. Von einer Welle, die eine Umdrehung pro Tag macht, wäre das eine Übersetzung jenseits von 100 000 zu 1, also ein Räderwerk mit fünf Stufen, nur für die Bremse.

Eine Ankerhemmung mit Pendel ist ungleich zahmer. Ein Halbsekundenpendel von 248 mm Länge treibt ein Ankerrad mit zwei Umdrehungen pro Minute; von der Gewichtstrommel aus sind das 144 zu 1, zwei Getriebestufen. Der übliche Einwand gegen Hemmungen — sie bewegen ruckweise — verfällt bei dieser Untersetzung vollständig: pro Sekundenschritt rückt die Kamera um 0,004° vor. Das liegt weit unter jeder Wahrnehmungsschwelle, auch im Video.

Und weil die Pendellänge die Feinjustage ist, müssen die Zähnezahlen nicht exakt aufgehen. Ein Räderwerk, das rechnerisch fünf Prozent danebenliegt, wird durch Verschieben der Pendellinse gerichtet.

Variante B · Sinkende Sandsäule

Sand hat einen physikalischen Vorzug, den kaum jemand kennt: er fliesst durch eine Blende mit einer Rate, die vom Füllstand unabhängig ist. Die Kornbrücken über der Öffnung schirmen den Druck der Säule darüber ab (Beverloo-Gesetz, Janssen-Effekt). Wasser tut das nicht — eine Klepsydra läuft mit sinkendem Pegel immer langsamer.

Das lässt sich direkt als Antrieb bauen: ein beschwerter Kolben ruht auf einer Sandsäule in einem Rohr, unten läuft der Sand durch eine feine Blende ab, der Kolben sinkt mit konstanter Rate nach. Er liefert dabei seine volle Gewichtskraft — lautlos, ohne Hemmung, ohne Pendel, ohne Räderwerk. Ein Rohr von 200 mm Sandhöhe, ein Seil über eine Trommel von 63,7 mm Durchmesser: das sind exakt 200 mm Umfang, also eine einzige Umdrehung pro Tag, und die Herzkurve sitzt auf derselben Welle. Das ganze Instrument hat dann zwei Wellen und kein Zahnrad.

Ehrlich gerechnet

Für 12 Stunden Laufzeit braucht es bei 200 mm Sandsäule eine Blende in der Grössenordnung von 0,6 mm — und die Faustregel für stockungsfreien Fluss verlangt einen Blendendurchmesser von mindestens dem Sechsfachen der Korngrösse. Das geht nur mit sehr feinem, sortiertem und trockenem Sand auf. Feuchtigkeit ist der Feind; das Rohr muss dicht sein. Zudem gilt die Füllstandsunabhängigkeit streng nur für frei ausfliessenden Sand — ein schwerer Kolben drückt die Rate messbar hoch. Die Laufzeit ist deshalb nicht rechenbar, sondern muss über Blendendurchmesser und Kolbengewicht eingestellt werden. Erst an einem Probeaufbau messen, dann die Säulenhöhe festlegen.

Empfehlung

Beide bauen, in dieser Reihenfolge. Variante B als Prototyp — sie beweist Lager, Auswuchtung, Herzkurve, Seilzug und Elektrik mit minimalem Aufwand, und ihre Schwäche liegt genau dort, wo sie am wenigsten schadet. Variante A als Instrument — das Uhrwerk ist der Teil, den man sehen und hören will, und es lässt sich später unter denselben Oberbau schieben, weil beide dieselbe Schnittstelle haben: eine Welle, eine Umdrehung pro Tag.

Auslegung in Zahlen

Alle Werte sind Vorschläge für den ersten Aufbau, nicht Endmasse. Die Feinauslegung des Räderwerks steht noch aus.

Baugruppe Wert Anmerkung
Drehteller Ø 100–120 mm Axial-Kugellager oder Dünnring; Kamera ausgewuchtet, Schwerpunkt auf der Achse
Seiltrommel Kameraachse Ø 40 mm 90° entsprechen 31,4 mm Seilweg
Herzkurvenscheibe Ø 120 mm Kurvennut von 25 auf 56 mm Radius, Spitze auf 3 mm gerundet
Gewicht (A) 2 kg 1 m Fallweg, ergibt rund 0,45 mW über 12 h
Gewichtstrommel (A) Ø 31,8 mm Umfang genau 100 mm, also 10 Umdrehungen auf 1 m — danach 10:1 auf die Kurve
Pendel (A) 248 mm Halbsekundenpendel; Ankerrad 30 Zähne, 2 U/min; 144:1 von der Trommel
Sandsäule (B) Ø 60 × 200 mm rund 0,5 l Sand, Blende in der Grössenordnung 0,6 mm
Trommel (B) Ø 63,7 mm Umfang 200 mm — Kolbenweg entspricht genau einer Umdrehung

Gedruckte Triebe unter 8 Zähnen laufen unruhig. Lieber drei Stufen mit mässiger Übersetzung als zwei mit einem 6-Zähner. Modul 0,8 ist ein brauchbarer Kompromiss aus Druckbarkeit und Baugrösse.

Elektrik: was der ESP wissen muss

Der Winkel ist zweideutig

Das ist die einzige Falle, die der Rücklauf neu einbringt, und sie ist im Kopfbild schon zu sehen: jede Winkelstellung kommt zweimal am Tag vor, einmal auf dem Hinweg und einmal auf dem Rückweg. Ein Poti allein kann Vormittag und Nachmittag nicht unterscheiden. Zwei Auswege, die sich ergänzen:

Auslösen lassen, nicht auslösen

Die schönere Variante ist, das Verhältnis umzudrehen: Magnete in den Gradbogen einlassen, Hall-Sensor am Kopf, und das Bild wird ausgelöst, wenn die Mechanik eine Marke erreicht. Dann steuert die Uhr die Software statt umgekehrt, und die Bilder sitzen exakt auf denselben Winkeln — Tag für Tag, unabhängig von jeder Gangabweichung.

Kleinkram, der sonst beisst

Gestaltung

Das Gerät hat eine Eigenschaft, die man nicht verstecken sollte: es ist langsam genug, dass man ihm nicht beim Laufen zusehen kann, aber schnell genug, dass zwischen zwei Blicken etwas passiert ist. Alles, was das sichtbar macht, ist gute Gestaltung.

Offene Punkte

Wo der Rest liegt

ArtWasPfad
BacklogTeileliste, sobald beschafft wirdplatform/mana/docs/HARDWARE_BACKLOG.md
RepoZeichenroboter — der andere Stiftroboter, mit demselben Anspruch an Langsamkeittools/mana-zeichenroboter/plan/index.html
DateiDruckbare Teile als Quelltext (build123d)tools/mana-cad/